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Quelle: WAZ vom 02.03.2005
Ein forschendes "Warum" bringt Kinder zu Dreistein


Bestaunen sichtbaren Strom: Bei Dreistein denken und forschen schon die Sechsjährigen wie die Großen. WAZ-Bilder: Ingo Otto
Sie ist unglaublich schlau, finden ihre Mitschüler. Aber Lernen? "Nö, nö, nö", antwortet Marie schnell, das würde sie selten, und bastelt weiter an ihrer handgefertigten Zehensandale. Dass sie eine Klasse übersprungen hat, hören die Kameraden beim Förderprojekt Dreistein an diesem Nachmittag zum ersten Mal. Überrascht sind sie jedoch nur, weil sie´s nicht wussten.

Fröhliches Lachen entblößt die Zahnspange, drei Spängchen halten die vorwitzigen Strähnen aus dem Gesicht. Durch ihre Brille fixiert Marie (10) aufmerksam die Linie, an der entlang sie mit dem Cutter die Schaumstoffsohle aus der weichen Platte löst, während sie erzählt. "Alle glauben sowieso immer, ich wär´ so schlau", sagt sie ohne von der Sohle aufzuschauen. "Und das ist sie auch. Sie meldet sich bei jeder Frage", mischt sich Leon (10), dessen Sommerschuh gegenüber am Tisch schon Gestalt annimmt, leise ein. Da muss es doch ein Fach geben, das ihr nicht so liegt? "Schwimmen", sagt das Mädchen spontan. "Aber das hatte ich auch nur einmal."

Marie ist ein interessiertes Mädchen, das, wie sie sagt, besonders von ihrem Vater gefördert wird. Für die Zwischenzeit hat dies Dreistein übernommen, wo Marie an diesem Freitagnachmittag mit nicht minder interessierten Kameraden die Sandale zum Thema "Von der Kuh zum Schuh" bastelt. Seit 2000 gibt es Dreistein, das sich Begabtenförderung einerseits aber auch Begabungsförderung andererseits auf die Fahne geschrieben hat.

Ins Leben gerufen hat das Projekt die Grundschullehrerin Hildegard Fromlowitz. "Ich war gefrustet im Unterricht. In den Richtlinien steht Chancengleichheit. Das bedeutet aber oft, dass die Stärkeren auf die Schwächeren warten müssen." Was passiert, wenn man nur mit den Schnelleren arbeitet, zeigt Dreistein, das seine Ziele breit fächert.

Hier werden zum einen Kinder aufgefangen, die im Unterricht unterfordert sind. Statt in eines der Hochbegabten-Internate umzuziehen, können sie bei Dreistein ihren Interessen und Talenten unter Gleichgesinnten freien Lauf lassen, sind dort keine schlauen Außenseiter mehr und bleiben an ihrer Schule. Sozialverhalten ist zudem eine Kernkompetenz, die die Kinder an der Geitlingstraße spielerisch lernen. Zum zweiten werden gezielt Talente verstärkt und Sprachen, Lerntechniken, Informationsbeschaffung, selbstforschendes Lernen vermittelt. Dabei sieht sich Dreistein keinesfalls als Schulersatz. "Sonst ist in der Schule die Langeweile noch größer", so Fromlowitz. Nach Nischen sucht das 30-köpfige Team: Uni-Vorträge, Museumsbesuche, Exkursionen ergänzen die Themen. Da werden Marienkäfer gezüchtet, Wasserproben analysiert, Bücher über die Römer geschrieben. "Die erklären das nicht einfach, sondern zeigen immer Beispiele", lobt Leon.

Ein enormes Einzugsgebiet bedient das Mülheimer Projekt. Vom Niederrhein, aus Dortmund und Düsseldorf bringen Eltern ihre wissbegierigen Sprößlinge. In Trimestern werden Themenkomplexe angeboten, die Wartelisten sind lang. Von IQ-Tests aber will Hildegard Fromlowitz nichts wissen. Gesundes Interesse und ein bohrendes "Warum ist das so?" im Hinterkopf sind allerdings Voraussetzung.

Leon und Marie sind mittlerweile stolze Besitzer der ersten selbstentworfenen Schuhe. Fehlt noch der Dekor. Das Schulthema ist noch nicht durch. "Wie, du hast ´ne Klasse übersprungen? Das würde ich auch gerne. Ich hasse Schule", schimpft Leon und schiebt trotzig die Unterlippe nach vorn. Auch Leon ist ein schlaues Köpfchen. Nur mit Englisch steht er auf dem Kriegsfuß. "Am Ende kriegt man Noten, die einem gar nicht gerecht werden", klagt der Zehnjährige. Und Marie krakelt begeistert: "Jeah, ich habe gerade meine erste Drei geschrieben."

Ein Schmetterling ziert jetzt den Schlappen von Leon. Vorsichtig stakst er an dem großen Tisch entlang, dreht und wendet den Fuß unter scharfem Blick. Bei Marie wird´s ein Delfin, den sie zurechtstutzt und dabei von Ballettstunden und Gitarrenunterricht (zweimal pro Woche) erzählt. Ein rappeliger Haufen, den die beiden Lehrerinnen an diesem Freitag beschäftigen, während die Kollegen nebenan mit den sechsjährigen Erstklässlern (denkt man) Zaubertränke brauen und Spinnenbeine verzehren - ein Einstieg ins Kulturthema Hexen.

Das Konzept von Dreistein für Kinder von drei bis 13 ist derart begehrt, dass nun der dritte Umzug seit der Gründung 2000 ansteht. Und auch Lehrer oder Referendare werden gesucht, die sich trauen, es mit der wissbegierigen Rasselbande aufzunehmen.

Von Anna Kötter


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